Eine Idee, die in den Bergen begann
Ernest Guglielminetti wurde 1862 in Brig im Oberwallis geboren. Als ausgebildeter Arzt interessierte er sich früh für die Überlebensbedingungen in extremen Umgebungen, insbesondere für die Höhenkrankheit.
Doch Ernest war nicht nur Arzt. Er war auch ein leidenschaftlicher Erfinder, angetrieben von einer zentralen Frage: Wie kann man Menschen helfen, selbst unter schwierigsten Bedingungen besser zu atmen?
Unter anderem entwickelte er ein Atemschutzgerät für Bergsteiger, Feuerwehrleute und Taucher.
Sein Weg führte ihn weit über seine Walliser Heimat hinaus. Er reiste durch Java, Sumatra und Borneo, bevor er sich 1894 in Monaco niederliess und dort als Arzt tätig wurde.
Monaco, 1902: Eine Strasse und eine zündende Idee
In Monaco begegnete Ernest Guglielminetti einem ganz anderen Problem als jenen, mit denen er sich bisher in den Bergen beschäftigt hatte.
Fürst Albert I., ein begeisterter Automobilfan, suchte nach einer Lösung für ein zunehmend störendes Phänomen: Die Autos wirbelten auf den unbefestigten Strassen grosse Mengen Staub auf.
Der Walliser Arzt erinnerte sich an eine Beobachtung aus seiner Zeit in Sumatra. In einem Militärspital in Padang waren die Böden mit Teer behandelt worden, um die Staubentwicklung zu reduzieren.
Warum sollte diese Methode nicht auch auf Strassen funktionieren?
Im März 1902 schlug er in Monaco einen Versuch vor.
Der erste Abschnitt war gerade einmal 40 Meter lang. Das Ergebnis überzeugte: Der Staub verschwand.
Eine einfache, im Nachhinein beinahe selbstverständliche Idee sollte die Geschichte des Strassenbaus mitprägen.
Der «Teerdoktor» ist geboren
Das Experiment blieb nicht unbemerkt. Das Verfahren verbreitete sich rasch in Europa.
1903 erhielt Ernest Guglielminetti von der Presse einen Spitznamen, der ihn sein Leben lang begleiten sollte: der «Teerdoktor».
Hinter dieser fast amüsanten Bezeichnung verbarg sich eine bedeutende Innovation. Die Teerbehandlung reduzierte die Staubentwicklung, verbesserte die Verkehrsbedingungen und begleitete den Aufschwung des Automobils.
Doch das Wirken des Walliser Arztes beschränkte sich nicht auf die Strassen.
1906 kam sein Atemschutzgerät bei der Bergwerkskatastrophe von Courrières in Nordfrankreich zum Einsatz. Bei diesem Unglück kamen 1099 Menschen ums Leben. Rettungskräfte nutzten das Gerät, um in die mit giftigen Gasen gefüllten Stollen vorzudringen.
Zwei Seiten desselben Menschen: die Lebensbedingungen verbessern und anderen helfen, selbst unter extremen Bedingungen zu bestehen.
Ein Erfinder, dem es nicht um Reichtum ging
Ernest Guglielminetti starb 1943.
Bemerkenswert ist, dass er sein Verfahren zur Teerung von Strassen nie patentieren liess.
Dennoch verbreitete sich seine Methode weit und trug dazu bei, die Strasseninfrastruktur nachhaltig zu verändern.
Auch im Wallis wurde sein Vermächtnis sichtbar. 1928 wurde eine Kantonsstrasse nach einem Verfahren geteert, das auf seinen Experimenten beruhte.
In Brig erinnert heute ein Denkmal an den Mann, der als einer der aussergewöhnlichsten Walliser Erfinder in die Geschichte einging.
Auch in Monaco erinnert eine Gedenktafel an seine Rolle bei der Entwicklung des Verfahrens – dort, wo alles begann.
Ein Walliser hinter einer weltweiten Innovation
Arzt, Entdecker und Erfinder: Ernest Guglielminetti verkörpert eine besondere Form des Erfindergeistes. Beobachten, ein Problem verstehen und den Mut haben, eine Lösung vorzuschlagen.
Er hat weder das Automobil noch die Strasse erfunden. Doch er trug wesentlich dazu bei, deren Nutzung zu verändern, indem er eine Methode zur Bekämpfung der Staubentwicklung entwickelte.
Heute benutzen Milliarden Menschen täglich geteerte Strassen, ohne zu ahnen, dass ein in Brig geborener Arzt einen wichtigen Beitrag zu dieser Entwicklung geleistet hat.
Manchmal beginnen grosse Erfindungen eben mit einer ganz einfachen Idee.
Und manchmal beginnt ihre Geschichte im Wallis.
Quellen und weiterführende Informationen: - Schweizerisches Nationalmuseum – Ernest Guglielminetti, der Teerdoktor (2021) - CNUM – Conservatoire numérique des Arts et Métiers: Bericht von Ernest Guglielminetti am Internationalen Strassenkongress (1908) - Brig Simplon Tourismus – Teerdenkmal - Geschichtsforschende Gesellschaft Oberwallis / Société d'histoire du Valais romand


Geschichte und Erbe
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