1428: Das Wallis am Beginn der grossen Hexenverfolgungen
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts wurde das Wallis zu einem der ersten Gebiete Europas, in denen es zu systematischen Hexenverfolgungen in grossem Umfang kam.
Im Jahr 1428 begann im Bistum Sitten eine Welle von Verfolgungen. Sie dauerte mehrere Jahre und setzte sich bis etwa 1436 fort.
Der Luzerner Chronist Hans Fründ beschrieb diese Ereignisse in einem Bericht über die Verfolgungen im Wallis. Er schilderte besonders beunruhigende Anschuldigungen jener Zeit: geheime Zusammenkünfte, Bündnisse mit dem Teufel, nächtliche Flüge durch die Luft sowie Zauberei, die Ernten vernichten oder Tiere töten sollte.
Solche Berichte trugen dazu bei, ein neues Bild der Hexerei zu verbreiten: das einer angeblich organisierten Gemeinschaft, die sich dem Teufel verschrieben hatte und die religiöse und gesellschaftliche Ordnung bedrohte.
Die Verfolgungen waren so bedeutend, dass das Wallis zu einem der frühen Ausgangspunkte der grossen europäischen Hexenverfolgungen wurde.
Walliser Täler im Zentrum der Verfolgungen
Die Anschuldigungen beschränkten sich nicht auf ein einzelnes Dorf.
Das Val d'Anniviers gehörte zu den ersten wichtigen Zentren der Verfolgungen. Sitten spielte als Sitz der bischöflichen Macht eine zentrale Rolle im politischen und gerichtlichen Geschehen. Im Laufe der Jahrzehnte waren auch andere Regionen betroffen, darunter das Val d'Hérens, das Goms und das Val de Bagnes.
Die Forschungen der Historikerin Chantal Ammann-Doubliez ermöglichten es, die Spuren von rund 200 Personen nachzuverfolgen, die im 15. Jahrhundert im Bistum Sitten verdächtigt, verfolgt oder zur Flucht gezwungen wurden.
Diese Zahl stützt sich auf die erhaltenen Dokumente und stellt vermutlich nur einen Teil der tatsächlich betroffenen Menschen dar.
Entgegen einer weitverbreiteten Vorstellung richteten sich die ersten Verfolgungen nicht ausschliesslich gegen Frauen. Auch Männer wurden häufig beschuldigt, darunter sogar angesehene und gebildete Personen.
Wer waren die Menschen, die der Hexerei beschuldigt wurden?
Die Opfer waren keine geheimnisvollen Gestalten aus Märchen und Legenden.
Es waren ganz gewöhnliche Einwohner: Handwerker, Bauern, angesehene Bürger, alleinstehende Frauen oder Mitglieder bekannter Familien aus der jeweiligen Gemeinde.
Manche Anschuldigungen beruhten auf persönlichen Konflikten, einem schlechten Ruf oder einem Verhalten, das als verdächtig galt.
Die Gerichtsakten zeigen auch, wie sich Gerüchte in offizielle Anschuldigungen verwandeln konnten.
Ein Nachbar beschuldigte eine Person. Ihr Name tauchte anschliessend in den Verhören anderer Verdächtiger wieder auf. Die Verdachtsmomente häuften sich und konnten weitere Verhaftungen auslösen.
So wurde Angst zu einem Mechanismus, der die Verfolgungen immer weiter vorantrieb.
Ein Justizsystem, das auf Folter beruhte
Die Hexenverfolgungen waren nicht bloss das Ergebnis von Volksglauben und Aberglauben.
Im Wallis spielten weltliche Behörden eine entscheidende Rolle bei der Verfolgung. Lokale Herren, Vertreter der bischöflichen Macht und die Behörden ländlicher Gemeinden waren an der Repression beteiligt.
Die Prozesse folgten einem strukturierten gerichtlichen Verfahren:
- Eine Person wurde angezeigt oder beschuldigt.
- Zeugen wurden befragt.
- Die verdächtige Person wurde verhaftet und verhört.
- Folter konnte eingesetzt werden, um Geständnisse zu erzwingen.
- Die Aussagen führten teilweise zu weiteren Anschuldigungen.
- Das Gericht fällte ein Urteil.
Die unter Folter erzwungenen Geständnisse enthielten mitunter aussergewöhnliche Schilderungen: nächtliche Zusammenkünfte, Flüge durch die Luft, Bündnisse mit dem Teufel oder die Zerstörung von Ernten.
Diese Aussagen müssen im richtigen Kontext verstanden werden: Sie entstanden unter extremem Zwang und sind keine Beweise für tatsächlich ausgeübte Praktiken.
Auf diese Weise konnten Gerichtsverfahren einzelne Verdachtsmomente in umfassende Anschuldigungen gegen ganze Personengruppen verwandeln.
1466–1467: Das Goms und die Scheiterhaufen von Ernen
Einige Jahrzehnte nach den ersten grossen Verfolgungen wurde das Goms von einer weiteren Welle erfasst.
In den 1460er-Jahren wurden mehrere Personen der Hexerei beschuldigt. Mindestens zehn von ihnen wurden in Ernen verbrannt.
Im Staatsarchiv Wallis sind vier besonders wertvolle Gerichtsakten erhalten geblieben. Sie betreffen zwei Männer und zwei Frauen aus der Grafschaft Biel.
Unter den Beschuldigten befanden sich unter anderem ein Schuhmacher, ein Schneider, eine Mutter und ihre Tochter.
Diese Dokumente ermöglichen es Historikern heute, genau nachzuvollziehen, wie die Prozesse abliefen, wie Aussagen aufgenommen wurden und wie sich die Anschuldigungen entwickelten.
Sie zeigen auch die Rolle der Folter und der gegenseitigen Denunziationen bei der Erlangung von Geständnissen und der Verurteilung weiterer Personen.
Françoise Bonvin: Eine Frau im Räderwerk der Justiz
Im Januar 1467 wurde eine Frau namens Françoise Bonvin der Hexerei beschuldigt.
Sie war eine wohlhabende Witwe und lebte mit ihrer Tochter und zwei Bediensteten in Chermignon. In der Region war sie bekannt und hatte früher sogar im Dienst des Walliser Landeshauptmanns gestanden.
Ihr Name tauchte in den Aussagen mehrerer Personen auf, die im Rahmen von Hexenprozessen verhört wurden.
Das genügte, um ihre Verhaftung zu veranlassen.
Ein Dokument im Staatsarchiv Wallis berichtet von diesem Fall. Darin finden sich unter anderem die Anschuldigungen von Pierre Chedal aus Diogne in der Pfarrei Lens.
Die Aussagen waren besonders spektakulär: geheime Zusammenkünfte, angeblich herbeigeführte Unwetter in den Rebbergen von Siders und Corin, die Zerstörung von Häusern und dem Teufel zugeschriebene Praktiken.
Françoise Bonvin entging zunächst dem Scheiterhaufen.
Ihr Fall ist bemerkenswert, weil er zeigt, wie selbst eine bekannte und relativ wohlhabende Person aufgrund von Zeugenaussagen und Denunziationen in ein Gerichtsverfahren hineingezogen werden konnte.
Er macht auch deutlich, dass sich die Anschuldigungen keineswegs nur gegen arme oder gesellschaftlich ausgegrenzte Menschen richteten.
1481: Zwei Notare aus dem Val d'Anniviers auf dem Scheiterhaufen
Die Geschichte der Hexenverfolgungen im Wallis kennt einen weiteren besonders verstörenden Fall.
Im Jahr 1481 wurden Pierre de Torrenté und sein Sohn Nycollin, zwei Notare aus dem Val d'Anniviers, wegen Hexerei hingerichtet.
Pierre war ein gebildeter und angesehener Mann in der Region. Sein gesellschaftlicher Status schützte ihn jedoch nicht vor den Anschuldigungen.
Nach ihrer Verurteilung versuchten ihre Nachkommen, das Unrecht anzufechten. Sie wandten sich an kirchliche Autoritäten und reichten schliesslich sogar eine Bittschrift beim Papst ein.
Dabei stellten sie insbesondere die Glaubwürdigkeit der Anschuldigungen infrage und kritisierten mögliche Eigeninteressen der lokalen Machthaber, unter anderem im Zusammenhang mit der Beschlagnahmung von Vermögen.
Die Historikerin Chantal Ammann-Doubliez hat diesen Fall anhand historischer Archivdokumente untersucht.
Ein besonders auffälliges Detail: In einigen historischen Dokumenten wurden Namen nachträglich ausgekratzt oder unleserlich gemacht, darunter jene von Pierre und Nycollin de Torrenté.
Ihre Geschichte zeigt, wie eng Hexenprozesse auch mit Machtverhältnissen und Interessenkonflikten verbunden sein konnten.
1730: Die letzten Scheiterhaufen in Sembrancher
Die Verfolgungen verschwanden nicht mit dem Ende des Mittelalters.
Im Unterwallis fanden die letzten allgemein dokumentierten Hinrichtungen wegen Hexerei im Jahr 1730 statt.
In Sembrancher wurden Pierre Terrettaz und Pétronille du Six auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Diese Hinrichtungen markieren das Ende einer langen Phase gerichtlicher Verfolgungen in der Region.
Doch die Anschuldigungen hörten nicht unmittelbar danach auf.
Im Jahr 1733 wurde Marie Étiennette Casuit, auch Caseux genannt, eine Frau aus den höher gelegenen Gebieten von Fully, der Hexerei beschuldigt.
Sie wurde der Folter unterzogen, gestand die ihr vorgeworfenen Taten jedoch nicht.
Am 11. Februar 1733 wurde sie schliesslich freigelassen.
Ihr Fall gilt als eines der letzten bekannten Hexenverfahren im Wallis.
Ein dunkles Kapitel der Walliser Geschichte
Während fast drei Jahrhunderten prägten Anschuldigungen und Hexenprozesse die Walliser Gemeinden tiefgreifend.
Männer und Frauen wurden denunziert, unter Folter verhört, verurteilt und hingerichtet. Manche verloren ihren Besitz, andere ihren guten Ruf und nicht wenige jede Möglichkeit, ihre Unschuld zu verteidigen.
Das Wallis nimmt in dieser europäischen Geschichte eine besondere Stellung ein: Die ersten grossen Verfolgungen begannen hier sehr früh, bereits 1428. Die erhaltenen Archivdokumente ermöglichen es heute, die Mechanismen dieser Prozesse zu rekonstruieren.
Hinter den Erzählungen von Teufeln, Hexensabbaten und Zauberei verbirgt sich vor allem eine menschliche Geschichte: die Geschichte von Gesellschaften, die von Angst, Krisen und Konflikten geprägt waren und in denen die Justiz den Verdacht mitunter in ein Todesurteil verwandelte.
Die Hexen des Wallis gehören nicht bloss in die Welt der Legenden. Es waren Frauen und Männer, die tatsächlich in unseren Dörfern und Tälern lebten. Ihre Geschichte ist Teil unseres kollektiven Gedächtnisses.
Quellen und weiterführende Informationen
Archive und historische Quellen
- Staatsarchiv Wallis – Virtuelle Ausstellung: Hexenprozesse
- Staatsarchiv Wallis – Chantal Ammann-Doubliez, Procès de sorcellerie dans la vallée de Conches (1466-1467) et chasses aux sorciers et sorcières en Valais au XVe siècle, Cahiers de Vallesia 32, Sitten, 2020.
- Chantal Ammann-Doubliez, Les chasses aux sorciers en Valais au Bas Moyen Âge : deux sorciers du val d'Anniviers à la fin du XVe siècle, Annales valaisannes, 2003, S. 129–147.
Historische Studien
- Martine Ostorero, Agostino Paravicini Bagliani und Kathrin Utz Tremp, L'imaginaire du sabbat. Édition critique des textes les plus anciens (1430 c.-1440 c.), Cahiers lausannois d'histoire médiévale, 1999.
- Pierrette Paravy, La sorcellerie, une spécialité montagnarde ? Le cas du monde alpin occidental, Heresis, 2003.
Weitere Quellen
- Résonances – Ressourcen: Artikel über Hexerei im Wallis
- Stéphane Abbet, Un des derniers procès en sorcellerie en Valais : le cas de Marie Étiennette Casuit du Planuit à Fully, Annales valaisannes, 2009.
- Le Nouvelliste – 1730: Die letzten wegen Hexerei Verurteilten wurden in Sembrancher erwürgt und verbrannt


Geschichte und Erbe
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